Im Bann des Tigers

Indische Erfolgsgeschichte: Michael Thiel, CEO Frauscher Sensor Technology, und Alok Sinha, Managing Director Frauscher Indien, im Gespräch über den 2013 gegründeten Standort. Er steht für den Erfolg der Strategie, mit Know-how und Offenheit spezifische Anforderungen erfolgreich zu erfüllen.

Im Bann des Tigers

Frauscher Indien feierte bereits sein vierjähriges Bestehen. Was ist das für ein Gefühl?

Michael Thiel: In einem Wort: hervorragend! Es zeigt sich nach vier Jahren intensiver Arbeit in Indien, dass die Entscheidung zur Eröffnung eines eigenen Standorts dort absolut richtig war. Damals hatten wir ja bereits einige Erfahrungen in diesem Markt gesammelt und waren uns des Potenzials bewusst, kannten aber auch die Risiken. Umso mehr hat es mich gefreut, als Alok einwilligte, unseren Markteintritt zu begleiten und die Geschäfte für Frauscher in Indien zu führen. Heute kann ich sagen, dass der indische Markt tatsächlich genau so eindrucksvoll und einzigartig ist, wie das von vielen Seiten immer wieder zu hören ist. Vielleicht haben wir die Möglichkeiten, die wir dort haben, zu Beginn sogar unterschätzt. Das Volumen des Marktes ist an sich schon gewaltig und die indische Regierung hat auch für die Zukunft beeindruckende Infrastrukturpläne aufgesetzt, die insbesondere auch das Bahn- und Metronetz betreffen. Auch auf Seiten unserer Kunden bemerken wir deshalb ein rasant steigendes Interesse daran, innovative Entwicklungen weiter voranzutreiben.

Alok Sinha: Es stimmt, ja. Das Potenzial, das wir als Unternehmen hier vorgefunden haben, ist tatsächlich noch größer, als wir anfangs dachten. Das bedeutete natürlich auch, dass wir es mit ungeplanten Herausforderungen zu tun hatten. Der Fortschritt, den Frauscher Indien gemacht hat, zeigt aber, wie gut wir auch diese Aufgaben gemeistert haben: Binnen weniger Jahre wuchs der Standort von zwei auf über 100 Mitarbeiter an und unsere Auftragsbestände haben wir auf 40 Mio. Euro erhöht. Wir haben unsere Geschäfte auf drei Standorte im Land ausgeweitet. Wir haben eine Produktionsstätte für Achszählsysteme etabliert und ein eigenes Forschungsteam aufgebaut, das an der marktspezifischen Adaption bestehender Produkte sowie an der Entwicklung neuer Lösungen arbeitet. Bisher wurden unsere Produkte bereits von der RDSO [Research Designs and Standards Organisation, Ministry of Railways, Government of India – Anm. d. Red.] in Indien sowie von einer Reihe weiterer Bahnbetreiber in Südostasien zertifiziert.

Unterscheidet sich Indien stark von anderen Märkten, in denen Frauscher aktiv ist?

MT: Grundsätzlich ist jeder unserer Märkte auf seine Weise einzigartig. In Indien nimmt die Eisenbahn jedoch einen wirklich immensen Stellenwert ein. Deshalb ist dieser Markt auch aus strategischer Sicht von äußerst großer Bedeutung. Das Land stellt aber in mancherlei Hinsicht spezielle Anforderungen, die wir so noch nirgends vorgefunden haben. Dazu zählen etwa die kulturellen Unterschiede, die vor allem auch die Art und Weise beeinflussen, mit der man sich auf geschäftlicher Ebene begegnet. Man muss sich diese Unterschiede und Herausforderungen immer wieder bewusstmachen. Das birgt letztlich auch die Chance, das eigene Produktportfolio zu stärken. Der Stellenwert, den der indische Markt für uns einnimmt, spiegelt sich sicher auch in der Agilität wider, mit der unser globales Team den dortigen Aufgaben gegenübergetreten ist.

Was waren die wichtigsten Errungenschaften, die bisher im indischen Markt erreicht wurden?

AS: Das größte Projekt wurde bisher mit MRVC [Mumbai Railway Vikas Corporation Ltd. – Anm. d. Red.] umgesetzt. Dort wurden mit 1 600 Zählpunkten 1 200 Gleisabschnitte gebildet, die sich über 19 Stationen verteilen. Dies ist gleichzeitig der größte Lieferumfang, den Frauscher je in einem einzelnen Projekt zur Verfügung gestellt hat. Darüber hinaus konnte sich Frauscher Indien einen Namen im Metro-Bereich machen. So gut wie alle Projekte, die in diesem Segment umgesetzt werden, setzen heute auf unsere Achszähler. Aktuell sind rund 1 300 Zählpunkte auf entsprechenden Linien im Einsatz. Zudem wurden wir als Partner für die „Dedicated Freight Corridor“-Projekte ausgewählt. Diese Infrastrukturvorhaben umfassen mehr als 9 000 Zählpunkte, die zur Errichtung eines Signaltechniksystems auf über 1 600 Streckenkilometern eingesetzt werden. Eines der jüngsten Projekte, bei denen unsere Komponenten zum Einsatz kommen, befindet sich in Hyderabad. Design, Bereitstellung, Installation, Test und Inbetriebnahme des Achszählsystems erfolgten dort binnen weniger als zwei Monaten. Mit hoher Flexibilität und kurzen Durchlaufzeiten konnten wir unseren Kunden dabei unterstützen, die von ihm veranschlagte Deadline für dieses Projekt zu halten.

Frauscher Indien konnte sich auch im Metro-Bereich etablieren.Frauscher Indien konnte sich auch im Metro-Bereich etablieren.

Das Projekt in Mumbai markierte gleichzeitig auch den Beginn des Markteintritts von Frauscher in Indien?

AS: Ja, genau – gleichzeitig war es aber auch aus technischer Perspektive eine besondere Herausforderung. Das Hauptaugenmerk dieses Projektes lag darauf, den innerstädtischen Bahnbetrieb von Mumbai auch dann garantiert aufrechtzuerhalten, wenn zur Monsunzeit immense Regenfälle für Überschwemmungen sorgen. Rund 200 der 1 600 installierten Zählpunkte liegen in Abschnitten, in denen wir es mit entsprechend extremen Bedingungen zu tun haben. Hinzu kam, dass die Messung von Vibrationen und Schocks während der Überfahrt von Zügen stellenweise Werte von über 2 000 g ergaben. Das Material, das zur Montage gleisseitiger Komponenten verwendet wurde, konnte diesen Belastungen zum Teil nicht standhalten. Die Entwicklung einer entsprechenden Lösung auf Basis von Analysen im Feld wurde zudem durch das immense Verkehrsaufkommen von mehr als 1 200 Zügen pro Tag erschwert.

Wie haben Sie diese Herausforderungen dann letzten Endes gemeistert?

AS: Um ehrlich zu sein: Die Entwicklung einer zufriedenstellenden Lösung hat einige Zeit in Anspruch genommen. Zwar schienen die ersten Ansätze sehr vielversprechend. Doch dann traten nach einigen Monaten erneut Probleme auf. Also haben wir weiter an Alternativen und der Stabilität der einzelnen Komponenten gearbeitet. Schließlich wurde der Aufbau des Schienenklauensystems komplett optimiert, um seine Stabilität zu erhöhen. Im Moment arbeiten wir außerdem an einer Weiterentwicklung des Radsensors RSR180, der in Mumbai im Einsatz ist. Durch die Verwendung verbesserter Materialien und die Anpassung der inneren Struktur soll auch seine Widerstandsfähigkeit weiter erhöht werden. Zur Montage der Sensoren an Stellen, die von besonders schweren Schocks betroffen sind, haben wir unser Portfolio um eine eigens entwickelte Befestigungsvorrichtung ergänzt.

Der Standort von Frauscher in Indien wächst beständig.Der Standort von Frauscher in Indien wächst beständig.

Gab es davon abgesehen auch noch andere Anforderungen, die Frauscher in Indien bisher technisch gelöst hat?

AS: Ein Thema, das ebenfalls zur Erweiterung unseres Portfolios geführt hat, ist die Handhabung so genannter Trolleys. Dazu haben wir das Counting Head Control CHC-Prinzip weiterentwickelt, das es ermöglicht, eine frei definierbare Anzahl von Bedämpfungen eines Radsensors zu unterdrücken. Diese Funktion ist auf Eisenbahnnetzen rund um den Globus im Einsatz und wurde auf die Anforderungen bei Indian Railways hin optimiert. Inzwischen wurde dort jedoch ein weiteres Szenario identifiziert, das damit noch nicht abgedeckt war: Es tritt dann auf, wenn ein Trolley in einem Gleisabschnitt eingesetzt wird, der zuvor schon durch ein anderes Gleisfahrzeug belegt worden ist. Zusammen mit der RDSO erarbeitete das Frauscher Entwicklerteam eine entsprechende Adaption der CHC-Funktion. So kann die Bedämpfung von Sensoren durch Trolleys nun auch bei bereits erfolgter Belegung des Freimeldeabschnitts unterdrückt werden. Die daraus entstandene Lösung wurde ebenfalls in enger Abstimmung mit RDSO gleich vor Ort hinsichtlich der Eignung für das indische Bahnnetz getestet und kann nun dort eingesetzt werden. Damit haben wir eine zuverlässige und starke Lösung für ein marktspezifisches Problem entwickelt, die optimal den Anforderungen im Bahnnetz von Indian Railways entspricht.

Indian Railways plant eine umfassende Modernisierung des bestehenden Signaltechniksystems. Daraus wird sich ein massiver Bedarf an Achszählprodukten ergeben. Wird Frauscher in der Lage sein, das zu stemmen?

AS: Die Kapazitäten der Produktionsstätte in Indien, mit der Frauscher seit ihrer Eröffnung vor drei Jahren auch die „Make in India“-Initiative unterstützt, lassen aktuell eine Steigerung der Produktion um 10 000 Zählpunkte pro Jahr zu. Das entspricht der Projektierung von Indian Railways. 2018 wollen wir die Produktionseinrichtung aber zusätzlich erweitern, um die darüber hinaus steigende Nachfrage aus dem Markt erfüllen zu können. Parallel dazu werden die technischen Fähigkeiten unserer Mitarbeiter gefördert. So können sie optimalen Support für verschiedene Anliegen bieten.

Wie werden die Produkte von Frauscher im indischen Markt heute wahrgenommen?

AS: Unsere Achszählprodukte unterscheiden sich durch eine Reihe von Alleinstellungsmerkmalen wesentlich von den Systemen anderer Anbieter. Dazu zählen etwa die Möglichkeiten, Sensoren ohne Bohrarbeiten am Gleis zu montieren, keine aktive Elektronik im Gleisbereich installieren zu müssen oder über Redundanzen eine automatische Ausfallsicherung, also eine Hot-Standby-Struktur, etablieren zu können. Eine weitere Besonderheit sind sicherlich die innovativen Diagnosetools, die wir mit unseren Achszählern zur Verfügung stellen. Diese Eigenschaften und Features wurden beispielsweise auch in einem Schreiben des Chief Commissioner of Railway Safety angeführt, der damit eine dementsprechende Implementierung unserer Komponenten bei Indian Railways empfahl.

Die Eisenbahn nimmt in Indien einen hohen Stellenwert ein.Die Eisenbahn nimmt in Indien einen hohen Stellenwert ein.

Und welche Rolle spielen die neuen Frauscher Tracking Solutions FTS in Indien?

MT: Indien zählt zu den Kernmärkten für dieses System, das auf Distributed Acoustic Sensing, kurz DAS, basiert, da es potenzielle Lösungen für grundlegende Anforderungen von Indian Railways bieten kann. Dazu zählen etwa die Überwachung von Zug- und Infrastrukturkomponenten sowie die Detektion unautorisierter Bewegungen in bestimmten Bereichen. In Pilotprojekten, die in enger Zusammenarbeit mit Indian Railways umgesetzt werden, prüfen wir die entsprechenden Eigenschaften der FTS. So wollen wir gemeinsam ein System entwickeln, das die laufende Echtzeitüberwachung verschiedener Komponenten und die Weitergabe entsprechender Informationen für die Planung präventiver oder die Durchführung akuter Wartungsarbeiten ermöglicht.

Werfen wir abschließend noch einen Blick in die Zukunft – wie sieht diese aus, speziell in Bezug auf die Zusammenarbeit der beiden größten Standorte von Frauscher?

AS: In einem global aufgestellten Unternehmen wie Frauscher ist es besonders wichtig, verschiedene Kommunikationstechnologien zu nutzen, um über Grenzen und Zeitzonen hinweg zusammenzuarbeiten, Know-how zu transferieren und die Fähigkeiten Einzelner entsprechend einsetzen zu können. Darüber hinaus sind wir davon überzeugt, dass der direkte Austausch zwischen unseren Experten durch deren regelmäßigen Besuch verschiedener Standorte rund um den Globus von entscheidender Bedeutung ist. Das unterstützt natürlich auch das Gefühl, dass wir ein großes Team sind.

MT: Und als solches wollen wir in den kommenden Jahren unsere Führungsposition in den Bereichen Achszählung und Raddetektion in Indien und anderen globalen Bahnmärkten weiter ausbauen. Durch die laufende Implementierung einer umfassenden Digitalisierungsstrategie wollen wir dabei nicht nur unsere Produkte stetig weiterentwickeln, sondern parallel dazu auch unsere komplette Arbeitswelt.

Christian Pucher

Christian Pucher

16.02.2018

Märkte

1915 Wörter

13 Minuten Lesezeit

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